”Schulen brauchen mehr Autonomie!” Interview mit dem Bildungsforschungs-Professor Jörg Ramseger Von Dr. Hilke Falkenhagen Eine Gegenstrategie gegen Rechtsextremismus setzt schon im Kindesalter an: Wer früh ernst genommen wird und Demokratie erlebt, kann auch andere Menschen in ihrer Verschiedenheit annehmen. Im Interview erläutert Professor Jörg Ramseger von der Freien Universität Berlin, wie einfach das in der Grundschule sein könnte - und warum es praktisch noch schwierig ist. Herr Prof. Ramseger, Sie arbeiten seit vielen Jahren in der Bildungsforschung und beschäftigen sich vor allem mit der Situation an Grundschulen, für deren Reform Sie zahlreiche Vorschläge entwickelt haben. Was hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verändert und vor welchen Herausforderungen stehen Grundschulen heute? Als größtes Problem empfinde ich unseren Umgang mit der Zeit. Wir leben in den letzten zehn, fünfzehn Jahren mit einer unheimlichen Beschleunigung; alles wird schneller, komplexer, die Anforderungen wachsen ständig. Die Globalisierung erzeugt einen beträchtlichen Leistungs- und Innovationsdruck. Dieser Druck wird ungefiltert weitergegeben an die Schulen und an die Kinder. Aber die Kinder haben nicht mehr Lernzeit und auch nicht mehr Entwicklungszeit als früher. Sie müssen in derselben Zeit das Doppelte schaffen wie Kinder früherer Generationen. Das kann nicht gelingen. Die Kinder werden durch diese Leistungserwartungen unglaublich gefordert, und alles, was Kinder brauchen, nämlich Geborgenheit, Zuwendung, Anerkennung und Aufmerksamkeit, kommt heute viel zu kurz - nicht zuletzt, weil auch die Eltern häufig sehr gestresst sind. Außerdem werden die Unterschiede immer größer zwischen Kindern, die schon in frühester Kindheit perfekt gefördert werden, und jenen, die immer weniger Förderung erfahren, weniger intellektuelle Förderung, aber auch immer weniger menschliche Wärme und Zuwendung. Die Differenz zwischen diesen beiden Kindergruppen wird allmählich unbeherrschbar. So entsteht ein Hintergrundklima, vor dem eher die Verzweiflung der Pädagogen und die Nervosität der Kinder wachsen, als dass wir irgendwelche sinnvollen Entwicklungen erwarten können. Um da gegensteuern wären sehr große Veränderungen im Selbstverständnis unserer Schulen und in der Bildungspolitik nötig. Beides ist der Öffentlichkeit nicht hinreichend bewusst. So haben wir diese Drucksituation, und unter Druck lernt man nichts Nachhaltiges und nichts Sinnvolles, sondern nur Überlebensstrategien. All das, was wichtig für eine gesunde Entwicklung der Kinder wäre, nämlich Selbstsicherheit, Selbstvertrauen entwickeln, und immer wieder Könnenserfahrungen machen, das geht alles verloren. Das ist die Situation, in der sich unsere Schulen befinden und weswegen alle unzufrieden sind. Das ist eine ernüchternde Analyse. Erscheint von hier aus nicht jede Arbeit, jedes Projekt in Schulen wie ein Tropfen auf den heißen Stein? Einerseits. Andererseits ist die Schule für sehr viele Kinder inzwischen auch der einzige Ort, an dem sie noch Verlässlichkeit erfahren. Weil sie verlässliche Beziehungen haben, weil sie einen erlässlichen Tagesablauf haben, weil sie eine verlässliche Gruppe haben. Also es ist immer eine Doppelstruktur. Schule ist auch ein Hort der Stabilität in ihrer Konservativität. Und sie kann – wenn Lehrer die entsprechende Kraft haben und dem gesellschaftlichen Druck partiell widerstehen können – auch ein Rettungsanker sein für Kinder. Aber wir überfordern die Kräfte der Lehrerinnen und Lehrer zur Zeit sehr stark. Sie müssen zu viel unterrichten. Sie haben gar keine Zeit, sich den Kindern zuzuwenden. Sie werden mit Bürokratie zugeschüttet, mit Rechtfertigungsritualen, Schulprogrammentwicklung, Förderplänen, die sie erstellen müssen für jedes einzelne Kind - alles gut gedacht, aber mit den verfügbaren Ressourcen nicht vernünftig zu leisten. Sie haben vorhin einen interessanten Aspekt erwähnt, als Sie darauf hinwiesen, dass ein Potenzial von Schulen darin liegt, Stabilität zu vermitteln. Worin besteht der Bildungsauftrag von Grundschulen, was ist zu bewahren von dem Alten bzw. welchen Auftrag haben Schulen, um Menschen auf die veränderten Bedingungen vorzubereiten? Und welche Rolle spielen da Kinderrechte? Man kann den Bildungsauftrag von Schule in drei einfache Kapitel unterteilen: Das erste ist, Kindern bei der Aneignung der Welt zu helfen. Das machen wir im Unterricht und in unterrichtsergänzenden Projekten, Kursen, Programmen. Der zweite Auftrag ist, Kindern zu helfen, in der Gemeinschaft mit anderen zu leben. Das machen wir auch im Unterricht und im gesamten Schulleben, mit allem, was da geschieht; möglicherweise in Ganztagsschulen vermehrt - wenn sie gelingen. Und der dritte Auftrag ist, Kindern die Demokratie erfahrbar zu machen. Letzteres ist für den Unterricht im deutschen Schulwesen kaum relevant und ist auch nicht unmittelbar im Bewusstsein aller Pädagoginnen und Pädagogen an den Schulen. Der Bildungsauftrag ist in jedermanns Bewusstsein, der Erziehungsauftrag ist auch in jedermanns Bewusstsein, zumindest an den Grundschulen. Dass die Pädagogen aber auch einen Auftrag haben, – und das steht ja in allen Schulgesetzen! – als Schule in der Demokratie Demokratie erfahrbar zu machen, ist nicht in jedem Schulprogramm wiederzufinden. Das müsste es aber! Wie macht man Demokratie erfahrbar? Das ist furchtbar einfach: Indem man Mitbestimmung einführt! Zunächst einmal im Unterricht selbst, wenn die Kinder beispielsweise bei der Wochenplanung einbezogen werden und auch der individuelle Wochenarbeitsplan aus einer dialogischen Situation zwischen der Lehrerin und dem einzelnen Kind erwächst. An einer Schule, die ich vor 25 Jahren mit entwickelt habe, haben sich die Lehrer dafür jeden Montag morgen 3 Stunden Zeit genommen, um mit jedem einzelnen Kind einen individuellen Wochenplan zu erstellen - bei 26 Kindern in der Klasse! Sie machen es noch heute so. Man kann aber noch mehr tun. Der französische Reformpädagoge Freinet hat das schon 1940 mit einer ganz simplen Form gemacht, indem er einen institutionalisierten Klassenrat eingeführt hat, wo die Kinder ihre Sorgen und Probleme artikulieren konnten und ihre Wünsche und Bedürfnisse, und wo der Lehrer nur eine Stimme hatte wie jedes Kind auch. Die Kinder mussten dieses Gremium auch leiten und selber Protokoll führen. Das ist eine parlamentarische Minidemokratie, aber eine, die funktionieren kann. Eine Situation, an der die Kinder lernen können, dass man Interessen artikulieren muss und wie man Verbündete findet, wie man einen Streit friedlich austrägt und wie man einen Weg findet, um die Interessen aller zu berücksichtigen. Da sind die Kinder ja viel phantasievoller als die erwachsenen Politiker. Das muss ich als Lehrer einfach machen, es ist ganz simpel, es kostet mich eine Stunde pro Woche, vielleicht zwei, und das ist es wert. Dasselbe geht auch mit der ganzen Schule. Es gibt Schulparlamente in Grundschulen, zwar nur an wenigen, aber es gibt sie. Man kann es erleben. Und auch dort gilt: Wenn die Erwachsenen nur eine Stimme haben, auch die Schulleiterin, und die Kinder das Gremium selbst leiten, wenn die Erwachsenen sie ausreden lassen und nicht alles bestimmen wollen, dann können Kinder erfahren, dass man was bewegen kann. Das setzt voraus, Kinder ernst zu nehmen als Menschen mit einem eigenen Willen, und ihnen auch das Recht zuzusprechen, einen eigenen Willen und eigene Interessen zu haben. Und es setzt die Bereitschaft voraus, Kindern dabei zu helfen, dies zu lernen. Diese Bereitschaft hat nicht jeder Pädagoge, aber an manchen Schulen kann man es erleben. Dort kann man dann auch sehen, dass Besucher davon fasziniert werden und sagen: „Das wollen wir auch!“ Es verbreitet sich auf dem Weg der pädagogischen Ansteckung, indem Pädagogen demokratische Formen erleben an anderen Schulen und staunen, was Kinder alles können. Natürlich ist „Demokratie erfahrbar machen“ auch im täglichen Unterrichtsprozess eine wichtige Komponente, indem Lehrerinnen und Lehrer zum Beispiel nicht alles permanent bestimmen, nicht alles permanent regeln, sondern die kleinen Streitigkeiten, die Kinder täglich im Miteinander haben, auch an die Kinder zurückgeben und sagen: „Regelt das untereinander, findet eine Lösung.“ Wenn Lehrerinnen und Lehrer die Petzer und Streber nicht dazu benutzen, ihre Klasse zu unterdrücken, sondern ihnen sagen: „Ich will das gar nicht wissen, versucht, eine Lösung zu finden, nur wenn ihr keine Lösung findet, können wir das Problem vielleicht im Klassenrat besprechen“, fordern sie die Konfliktregulierungskräfte der Kinder gezielt und bewusst heraus. Und das kann man in jedem kleinen Interaktionsakt im täglichen Handeln realisieren. Das ist zwar anstrengend, aber es erleichtert auch das Leben. Es sind also eigentlich ganz einfache Dinge. Sie setzen aber etwas voraus, was nicht in jedem Fall gegeben ist: Martin Buber hat gesagt, das Wichtigste und Erste, was ein Lehrer machen muss, ist, die Kinder anzunehmen, und zwar jedes Kind in seiner Art; sie nicht als Problem zu sehen, als widerständig, als schwierige Menschen, die irgendwie integriert werden müssen, sondern sie als Individuum in ihrem So-sein anzunehmen. Das ist die wichtigste Voraussetzung. Aber das gelingt nicht in jedem Fall. Woran liegt es, dass die Schulen hierzulande so wenig demokratische Tradition haben? Das hängt mit der Geschichte des Schulsystems zusammen, aber auch mit der Grundkonstruktion, die wir haben. Die Geschichte der deutschen Schule ist eine obrigkeitsstaatliche Geschichte. Schule war zunächst bei ihrer Einführung ein Apparat des Sicherheitssystems. Wilhelm von Humboldt, der erste „Kultusminister“, hatte nie ein Kultusministerium, er war nur Abteilungsleiter im preußischen Innenministerium, d.h. im Sicherheitsministerium. Die Schule ist mithin als Bestandteil des Sicherheitssystems des Staates gegründet worden, und das hat der Staat niemals aufgegeben. Darüber hinaus ist sie bis zum heutigen Tag, also fünfzehn Jahre nach dem Ende der sozialistischen Diktatur in Deutschland, noch immer das einzige System sozialistischer Planwirtschaft, das wir haben und in dem der Staat versucht, bis in jeden kleinen Winkel in jeder einzelnen Schule alles zu regeln und Gerechtigkeit durch Organisation, Vorschriften und Verteilungsapparate sicher zu stellen. Schule in Deutschland hat also schon immer eher eine obrigkeitsstaatliche als eine demokratische Grundstruktur. Ihr Selbstverständnis basiert eben nicht auf der Initiative von Individuen und Nachbarschaften, sondern auf der Versorgung der Bürger durch den Staat. Das ist eine völlig untaugliche Handlungsbasis für zeitgemäße Pädagogik, absolut anachronistisch. Was für eine Schule brauchen wir? Wir bräuchten eine Bürgerschule in der Verantwortung der Kommunen, genauer: der Bürgerschaft der Kommunen! Also nicht die private Schule und nicht die staatliche Schule, sondern die Bürgerschule, so wie es sie in Dänemark gibt, wo die Schulen unter der Kontrolle und in der Verantwortung der Bürger des unmittelbaren Umfeldes organisiert sind, wobei die Lehrer durch sehr gut organisierte Gewerkschaften mit hohem Selbstbewusstsein geschützt sind vor der Willkür einzelner Eltern, aber gleichzeitig frei sind. Das wäre die Grundkonstruktion, in der sich ein Klima der Initiative eher verbreitet als in einem staatlichen Versorgungssystem deutscher Provenienz. Wir brauchen auch den freien Arbeitsmarkt für Lehrer wie in Großbritannien, wo Lehrer aufgrund ihrer Leistungen eingestellt und bezahlt werden und dadurch auch Selbstvertrauen gewinnen, Stärke und Freiheit. Denn sie haben ja die Freiheit, die Schule zu wechseln. Das können sie hier nicht, hier sind sie unfreie Objekte, die vom Staat herumgeschoben werden, während sie in England Subjekte sind, die sich bewerben und dahin gehen, wo sie es interessant finden und wo sie anständig behandelt werden. Das brauchen wir auch, um der Freiheit der Lehrer und Lehrerinnen willen. Es geht also um die Befreiung der Pädagogen von der nährenden Brust des Staates. Wie wirkt sich diese Situation auf die Kinder aus? Was erleben Kinder in deutschen Schulen im Hinblick auf die Anerkennung bzw. Verletzung ihrer Rechte? Ich glaube, die größte Verletzung geschieht beim Umgang mit der Zeit und beim Umgang mit dem Bewegungsbedarf von Kindern. Solange die Schule eine Einrichtung ist, in der selbst kleine Kinder stundenlang an Tischen sitzen und womöglich, wenn wir jetzt überall die Ganztagsschule bekommen, auch noch am Nachmittag gefangen sind in Räumen unter permanenter Aufsicht von Pädagoginnen und Pädagogen - viele, viele Menschen in engen und schlecht ausgestatteten Räumen -, wird das Recht auf Bewegungsfreiheit in einem Maße eingeschränkt, das mit dem Zweck der Schule nicht mehr gerechtfertigt werden kann, weil es dem Bildungszweck diametral entgegen steht. Die Lautstärke in den Klassenräumen, die keine Teppichböden und keine Schallschutzdecken haben, die keine Polstersessel haben, die mit Billigmobiliar ausgestattet sind, die alle ästhetischen Ansprüche von Kindern (und Erwachsenen!) missachten - das sind die schweren Kinderrechtsverletzungen. Es ist also nicht so, dass Kinder geprügelt werden bei uns, dass sie in die Ecke gestellt werden und beschimpft, obwohl es das auch gibt, aber doch nur in Ausnahmefällen. In der Regel sind unsere Pädagoginnen und Pädagogen nette und kinderfreundliche Menschen, die sehr bemüht sind, dass die Kinder sich wohlfühlen. Aber die äußeren Bedingungen bewirken eine permanente Verletzung der Entwicklungsbedarfe von Kindern. Wenn man mal den Aufwand an Blumenschmuck, den eine durchschnittliche Sparkassenfiliale betreibt, um den Menschen Kreditverträge anzubieten, vergleicht mit dem Aufwand an Blumenschmuck, den ein Lehrer zur Verfügung hat, um sein Klassenzimmer auszustatten, dann haben wir bestimmt ein Verhältnis von 10:1. In der Regel muss die Lehrerin die Blumen selber bezahlen, weil sie im städtischen Etat nicht zu inventarisieren sind. Aber sie könnte es tun, sie könnte von ihrem Gehalt einmal in der Woche einen Blumenstrauß kaufen… Die Öffentlichkeit weiß gar nicht, wie viel Geld engagierte Pädagogen und Pädagoginnen jeden Tag von ihrem privaten Konto nehmen, um den Kindern den Aufenthalt in der Schule einigermaßen erträglich zu machen. Erzieherinnen in der Verlässlichen Halbtagsschule, die über ein jämmerliches Einkommen verfügen, kaufen die Teebeutel und oft auch das Pausenbrot für gar nicht wenige Kinder selber, damit die Kinder tagsüber etwas zu essen und zu trinken haben, weil weder die Eltern noch der Staat dafür das Geld aufbringen. Das sind die Skandale unserer Gesellschaft, und die sind sehr verbreitet. Da liegt für mich die Verletzung der Kinder, es ist der Übergriff auf das Wohlbefinden der Kinder, die völlige Ignoranz der Öffentlichkeit, was Kinder zum Wohlbefinden bräuchten. Und sie bräuchten eben auch Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, die Zeit haben, sich um sie zu kümmern und sie nicht bloß zu unterrichten. Der UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz hat jüngst bei seinem Besuch in Deutschland das selektive Schulsystem und die systematische Benachteiligung von armen Kindern bzw. Kindern mit Migrationshintergrund bemängelt. Sie haben Ihrerseits immer wieder betont, dass eines der größten Probleme unserer Schulen im Umgang mit Heterogenität besteht. Wie müssten sich Schulen verändern, um auf die unterschiedlichen Voraussetzungen, die Kinder mitbringen, besser eingehen zu können und damit gerade die Bildungschancen von benachteiligten Kindern zu verbessern? Ich zitiere wieder Buber: die Kinder erst mal in ihrem Sosein annehmen! Beispielsweise auch akzeptieren, dass wir eine multikulturelle Gesellschaft sind und bleiben werden, auch wenn dieser Begriff mittlerweile in Misskredit gezogen wird. Die kulturellen Unterschiede in diesem Staat werden noch vielfältiger werden, als sie schon sind, weil wir ja Einwanderung brauchen, um den Kinderschwund in Deutschland auszugleichen. Ich muss die Menschen erst mal in ihrer kulturellen Identität anerkennen, also auch ihre Muttersprache als wichtigsten Ausdruck dieser Identität; wenn ich Muttersprachen verachte, wenn ich Muttersprachenverbote installiere, dann schädige ich die Identität der Subjekte und beschädige die Subjekte selber. Das kann man heutzutage schon gar nicht mehr öffentlich sagen in diesem Land, weil wir unglaubliche Schnellschüsse erleben in der Problembewältigung. Die Menschen zu akzeptieren in ihrer Einzigartigkeit, in ihremEntwicklungspotenzial, und dieses Entwicklungspotenzial auch gezielt nutzen, statt sie zu diffamieren, das setzt eine Zuwendung zu den Einwanderern voraus und nicht den Versuch, sie in Schnellkursen einzudeutschen. Wenn es diese Zuwendung zu den Zuwanderern nicht gibt, werden die Missverständnisse und die Katastrophen zunehmen und rechtsradikale Strömungen in unserem Land weiter erstarken, die bereits jetzt gut unterfüttert werden mit Abwehrargumenten gegen alles Fremde und Fremdartige. Diese Abwehrmechanismen und Abwehrbewegungen haben inzwischen breite bürgerliche Kreise erfasst. Schulen, die Muttersprachenverbote aussprechen, werden öffentlich ausgezeichnet. Da sind wir anderen Ländern um Jahrzehnte hinterher, die mit Einwanderung und dem Umgang mit Muttersprachen viel mehr Erfahrung haben als wir und da auf ganz anderen Wegen sind. Was bräuchten Lehrerinnen und Lehrer, um aus der Drucksituation – sie selbst erfahren permanent Druck, den sie dann weitergeben – herauszukommen? In erster Linie Autonomie! Handlungsautonomie, Entscheidungsautonomie, Finanzautonomie, Personalautonomie. Der Staat muss sich zurücknehmen, die Verwaltung muss sich zurücknehmen. Es sollte uns zu denken geben, dass ein zivilisiertes Land wie Holland die Schulaufsicht weitgehend abgeschafft hat und gesagt hat: Wir steuern das System nur noch über die Prüfungen, über die Bildungspläne und die Ausbildung. Wir setzen Ausbildungsstandards, weil wir wollen, dass unsere Pädagogen gut ausgebildet sind, wir machen zentrale Prüfungen, damit die Schulen nicht in der Beliebigkeit enden, sondern klar formulierte Ziele haben, die ihre Schüler erreichen sollen. Aber wie die Schulen diese Ziele erreichen sollen, das überlassen wir vollständig ihnen selbst. Dann werden die Lehrer Verbündete der Schüler, weil sie - ähnlich wie ein Fahrlehrer – Interesse daran haben, dass die Schüler die Prüfung bestehen. Und nicht ein Interesse daran haben, die Schüler sitzen zu lassen, um weniger Probleme zu haben. Die Lehrerweiterbildung wurde privatisiert, die Schulen bekommen einen Etat und können sich jeweils die Unterstützungssysteme einkaufen, die sie individuell an ihrem Ort gerade am nötigsten brauchen. Die besten Schulräte sind aus dem Staat rausgegangen und haben private Unterstützungssysteme gegründet und verkaufen ihre Ratgeberkompetenz auf einem privaten Consulting-Markt. Und die Schulen machen davon Gebrauch! Der Staat ist dabei nicht weg, er setzt weiterhin die Standards für die Qualität der Ausbildung und für die Schulen und er bezahlt das ganze System. Dafür braucht man den Staat auch weiterhin, wir wollen die Standards ja nicht verlieren. Es gibt jetzt eine Vielfalt höchst unterschiedlicher Schulen in Holland und ein hoch effizientes System, staatlich finanziert, und jeder kann seine private Schule machen. Wir brauchen auch diese Konkurrenz in der pädagogischen Qualität, nicht die Leistungskonkurrenz in Rankinglisten, wo Schulen gegeneinander aufgehetzt und Problemschulen an den Pranger gestellt und öffentlich nieder gemacht werden, sondern dass jede Schule die Möglichkeit erhält, sich in ihrer Pädagogik fortzuentwickeln. Was können Eltern, externe Projekte, engagierte Bürger und Bürgerinnen tun, um Schulen dabei zu unterstützen, kleine Schritte in die Richtung der von Ihnen beschriebenen notwendigen Veränderungen zu machen? Jede Schule ist dankbar für jede Unterstützung, die sie bekommt. Jede Initiative, die sich organisiert, alle Menschen, die den Mund aufmachen und sich öffentlich artikulieren, bewirken, dass andere, die bislang geschwiegen haben, sich auch trauen, sich öffentlich zu artikulieren. Und es gibt wunderschöne Beispiele in unserer Gesellschaft für Initiativen dieser Art. Wo einzelne etwas ins Rollen bringen und andere auf den Zug springen und sagen, da bin ich dabei, da will ich auch mit. Mich ermutigt zum Beispiel die Initiative in Delmenhorst, wo Bürger sich dagegen gewehrt haben, dass Rechtsradikale ein Hotel kaufen, um daraus eine Schulungsstätte für Neonazis zu machen. Da haben einzelne Bürger gesagt: „Mit uns nicht! Dann kaufen wir eben dieses Haus.“ Niemand von diesen Bürgern hat furchtbar viel Geld. Trotzdem kam in kürzester Zeit genug Geld zusammen, um Einhalt zu gewähren und zu sagen: „Jetzt ist Schluss, hier nicht!“ Das haben Einzelne begonnen, zwei oder drei Leute, und so können überall zwei oder drei beginnen und sagen: „Wir stehen auf, wir aktivieren uns, wir helfen der Schule, wir stehen ihr zur Seite.“ Eltern könnten sich z.B. an die Schulen wenden und sie fragen: Was braucht ihr? Wo können wir helfen? Wichtig an dieser Stelle ist, dass die Schulen dabei in ihrer Souveränität nicht geschädigt werden und die pädagogische Freiheit der Lehrerinnen und Lehrer nicht angetastet wird. Es muss eine Form der zurückhaltenden Hilfe sein, die die Schulen bekommen. Davon können sie gar nicht genug bekommen. Dies ist nicht üblich bei uns, das ist anders in anderen Gesellschaften. In Amerika zum Beispiel, wo es die lange Tradition der Selbsthilfe gibt, ist es selbstverständlich, dass sich jede Menge Initiativen immer wieder um die örtliche Schule kümmern. Auch nicht alle uneigennützig, aber viele. Bei uns gehen wir davon aus, weil der Staat die Schulen als Versorgungssystem installiert hat, hätten wir auch einen Anspruch darauf, dass der Staat sich um alles kümmert. Dies müssen wir überwinden, wir müssen den Staat aus seiner Pflicht entlassen, sich um die Schulen zu kümmern. Die Bürger müssen die Schulen übernehmen. Und das ist ein Prozess – wenn er überhaupt in Gang käme in Deutschland, würde er hundert Jahre dauern, aber man kann ja anfangen. Der Artikel ist vor etwa einem Jahr auf der Internetplatform mut-gegen-rechte-gewalt.de erschienen, dort aber nicht mehr abrufbar.